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Rume im ethnologischen Kirgistan

Die Lehre von den Gesellschaften und Kulturen hat sich schon lange mit dem Konzept des Raumes beschftigt. Levi-Strauss, ein kleiner Ethnologe, suchte u.a. in den rumlichen Strukturen auch die Strukturen der allgemeinen Lebensorganisation von Kulturen. Er vertrat die Ansicht, menschliches Denken knne in Strukturen, in kleinsten Syntaxeinheiten als quasimathematische Formel gefasst werden. Diese Strukturen fanden sprachlichen, verwandtschaftlichen aber auch rumlichen Ausdruck in der Empirie. Dort knne man sie erfassen oder besser auflauern - heute wrden wir sagen: herauslesen. Eine der grundlegenden Strukturen, die unsere Denkkategorien mitbestimmen seien die »binren Oppositionen«: die verstandene Welt gliedert sich in Paare zweier gegenstzlicher Elemente: schwarz-wei, gut-bse, alt-jung - und rumlich: links-rechts, vorne-hinten, drinnen-drauen und (was fr das bergige Kirgistan sicherlich nicht ganz ohne Belang ist) oben-unten.

In der Zwischenzeit hat der eine oder andere Wissenschaftler gegen Levi-Strauss aufgemuckt. Vor allem sein universalistischer Anspruch die Formel allen Menschlichen Denkens schlechthin, die Struktur der Strukturen, herausarbeiten zu knnen stie auf viel Widerstand. Geisteswissenschaftler sehen sich allgemein als Spezies gefhrdet wenn an ihren Forschungsobjekten nicht eine gewisse Portion Mystizismus bleibt. Auerdem hatte die Empirie, die erlebte und beobachtete Wirklichkeit eine nervige Tendenz dazu die schnen Modelle Levi-Strauss' nicht folgen zu wollen.

Heute, im Kielwasser der Postmoderne, arbeiten Ethnologen weniger mit Strukturen im Raum, sondern betrachten den Raum kognitiv als Speicherort fr Identitten und als Objekt sozialer Konstruktionsverfahren. Doch wir knnen von Levi-Strauss immer noch viel lernen. Er liefert uns zwar keine wasserdichte Theorie zum tiefen und endlichen Verstndnis anderer Kulturen auf mathematischem Wege, wie er es gerne wollte. Er entwirft uns aber ein analytisches Werkzeug mit dem wir uns anschauen knnen wie Gesellschaft sich in uns zunchst fremden Sprachspielen entfaltet. Dazu gehrt auch das Verstndnis von Raum.


Bunker unter dem Ala-Too
In den Bergen

Auf der Suche nach oben und unten (Orientierungsbeschwerden im Fremden)

In der Literatur, die ich zu Kirgistan gelesen habe ist das Prinzip oben-unten als Richtungen ausgefhrt. Eldi (oben) sei dort wo die Sonne aufsteht und ldi (unten) dort wo sie untergeht. Hieraus knnen dann wilde Schlussfolgerungen abgeleitet werden ber das Weltverstndnis der Kirgisen. Zunchst wollte ich mir aber anschauen ob diese Vorstellung nun auch heute in der Empirie, also auerhalb der Modelle, anzutreffen ist.

Mein erster Gesprchspartner zu diesem Thema war ein alter Mann. Er besttigte mir diese Ordnung: »wir Kirgisen richten uns in der Zuordnung von oben und unten nach der Sonne«. Allerdings, so gab er zu, wrde man auch sagen man gehe nach oben, steige man auf jenen Berg dort, westlich von uns. Auf die Hochweide oder in den Wald, weg von dem Dorf oder der Stadt sei ebenfalls hoch, hrte ich in den nchsten Tagen oft. »Hoch« knnte also geographisch hher gelegen, verwaltungstechnisch zentral oder der Osten bedeuten. »Ich fahre hinunter« (»eldi«), sagte ein Junge. Damit meinte er in die nchste grere Stadt. Allerdings liegt diese Stadt auch geographisch tiefer als das Dorf. Ich fragte also zu einem anderen Dorf, von dem ich wusste, dass es geographisch hher liegt als unser Dorf aber dem regionalen Zentrum nher ist. Man sagte mir dorthin fahre man hinunter. Wenige Tage spter erklrte mir eine Frau jedoch dass man hinunter sage um an diesen Ort zu gelangen, wenn man ber die geteerte Strae dorthin gelange. Diese Strae fhrt zunchst Tal abwrts um sich dann an einer Abzweigung zum anderen Dorf hoch zu schlngeln. Reite oder gehe man jedoch durch den Wald ins andere Dorf, so sagt man »hoch«. Hier muss man zunchst einen Bergrcken erklimmen um dann in die nchste kleine Talung abzusteigen. Ich war etwas verwirrt. Es geht hier also auch um die unmittelbare Richtung, in die man sich von seinem Ausgangspunkt aus bewegt. Zumindest dann, wenn es um das Verhltnis zweier Orte geht. Nach Bischkek fahre man jedoch »hoch« auch wenn es die selbe geteerte Strae ist, auf der man das Dorf verlsst wie wenn man in das andere Dorf hinunter fhrt. Fr einige Orte hrte ich beides. Das galt z.B. fr ein Waldstck, welches geographisch direkt hher aber in der Richtung des Regionszentrums gelegen war, wo aber nur eine bersehbare Ansammlung von Husern errichtet worden waren. Dorthin ging man auf und ab.


Autowsche
Pferde

»Wir Kirgisen«, so sagte mir ein pensionierter Lehrer, »richten uns in der Beurteilung von oben und untern nach der Flierichtung des Wassers.« In einem Taxi fragte ich eine junge Frau wo fr sie hier oben und unten sei. Sie erwiderte sie sei nicht von hier und wisse es daher nicht. Um uns herum ragten zu allen Seiten Felsen steil empor, darunter begleitete uns ein Fluss von einer Kurve zur nchsten. Der pensionierte Lehrer erklrte mir geduldig es sei die Flierichtung der groen Flsse gemeint. So sei in Jalal Abad, wo die groen Flsse von Ost nach West ins Ferghanatal flieen der Osten oben. In Bischkek jedoch, wo die Flsse aus dem Sden in die kasachische Steppe flieen sei der Sden oben. Die Frau war allerdings auch aus der Region westlich des Ferghanatals. Ihr Verstndnis von oben und untern schien lokaler geprgt als das des frheren Lehrers.

Ich schrieb in meinem Feldbuch, dass »jd« und»Eldi« Richtungen sind, die absolut ausgemacht werden knnen, die aber auch von Region zu Region variieren knnen. Diese Begriffe knnen auch ein rumliches Verhltnis zwischen zwei geographischen Orten bezeichnen. Mgliche Kriteriensysteme sind: die Himmelsrichtungen, das unmittelbar wahrnehmbare Geflle, die Flierichtung groer aber auch lokaler Flsse. Es komme alles, so mein Eintrag sehr darauf an von wie groen geographischen Einheiten man ausgeht - etwas, das hufig in der Situation den Beteiligten selbstverstndlich ist. Man msse darauf achten wann wer welche Definition benutzt und wie gro die geographische Einheit dabei ist (z.B. wie weit die zwei Orte voneinander entfernt liegen).

Kurz daraufhin fhrte ich ein Gesprch ber genau diese Richtungsverweise mit einem Journalisten in Bischkek. Er bestand auf die Flierichtungsdefinition. Diese ist mit naturwissenschaftlicher Rationalitt gut vereinbar. Ich erklrte ihm dass wir bei uns hufig vom Norden als »oben« und dem Sden als »unten« sprachen. Er merkte etwas polemisch an, dass dies ja eine lustige Idee sei, Wasser aber nun mal nicht dazu im Stande ist von oben nach unten zu laufen. Ich gab ihm Recht.

Ein Blatt
Und unter diesem
Ein Blatt
Und unter diesem
Ein Blatt
Und unter diesem
Ein Tisch
Und unter diesem
Ein Boden
Und unter diesem
Ein Raum
Und unter diesem
Ein Keller
Und unter diesem
Ein Erdball
Und unter diesem
Ein Keller
Und unter diesem
Ein Raum
Und unter diesem
Ein Boden
Und unter diesem
Ein Tisch
Und unter diesem
Ein Blatt
Und unter diesem
Ein Blatt
Und unter diesem
Ein Blatt
Auf dem mein Computer jetzt steht, sodass das Kabel vom Adapter keinen Knick bekommt.
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